Krise und Kämpfe

Blog der RSO

Liverpool: Erste Aussperrung seit 50 Jahren

Der österreichische Kartonhersteller Mayr-Melnhof beschloss, eines seiner beiden britischen Faltschachtelwerke zu schließen. Der gerechtfertigte Widerstand der ArbeiterInnen wurde mit der ersten Aussperrung in England seit 50 Jahren beantwortet.

Mayr-Melnhof gehört zu den weltweit größten Herstellern von Karton und Faltschachteln und hatte 2011 ca. 8.800 Beschäftigte in 17 Ländern. 2008 wurde ein Werk in Bulgarien geschlossen, 2010 ein Werk in der Schweiz, weil es aufgrund einer Emissionssteuer nicht mehr profitabel wäre. Dabei verloren 290 Beschäftigte in Bulgarien und 255 ArbeiterInnen in der Schweiz ihre Arbeitsplätze.

Fabriksbesetzung in Liverpool

Im Werk in Liverpool ist im Februar nahezu die gesamte Belegschaft mehrmals in Streik getreten. Streikgrund war der geplante Stellenabbau und damit in Verbindung die vom Management in Aussicht gestellten Abfindungen – sie sollen wesentlich niedriger sein als jene der Kündigungsrunden 2010.

Nachdem die ArbeiterInnen in einen 24 stündigen-Streik getreten waren und mit weiteren Aktionen drohten, bekamen es die Chefs mit der Angst zu tun und sperrten am 18. Februar die ArbeiterInnen aus. Während der Aussperrung schikanierte Mayr Melnhof GewerkschaftsaktivistInnen und entließ 4 Beschäftigte unter erfundenen Anschuldigungen. Dieser Frontalangriff des Managements ging allerdings nach hinten los, die kämpferische Belegschaft wehrte sich und der Kampf eskalierte. Die Streikenden besetzten am darauffolgenden Tag die Fabrik, Streikposten standen 24 Stunden am Tag vor der Werkseinfahrt.

Ian Tonk von der Gewerkschaft Unite erzählte: „Seit 20 Jahren bin ich jetzt Interessensvertreter in der britischen Gewerkschaftsbewegung, und das ist meine erste Aussperrung.“ Tatsächlich war es die erste Aussperrung in der Grafik- und Druckindustrie seit über 50 Jahren.

Illegale Schließung

Am 29. März kündigte die Firma dann die Schließung des Liverpooler Werks an. Laut Mayr-Melnhof „erzwangen die wirtschaftlichen Gegebenheiten, jüngsten Marktentwicklungen und Anforderungen unserer Kunden schließlich diesen entscheidenden Schritt.“ Gewerkschaftsvertreter gehen allerdings davon aus, dass der Grund für die Werksschließung der Streik und die Aktionen der Gewerkschaft sind und nicht die wirtschaftliche Lage.

Am 25.4. gab es bei der Hauptversammlung der Aktiengesellschaft in Wien Proteste von in- und ausländischen Gewerkschaften gegen die Schließung, bei der bestehendes Arbeitsrecht gebrochen wurde und die Mitwirkungsrechte des europäischen Betriebsrats nicht eingehalten wurden.

Die ArbeiterInnen bezahlen für die Krise

Im Zeitraum 2008-2010 erhöhte sich die Produktivität von Mayr-Melnhof, gemessen an hergestellten Kartons pro Mitarbeiter, um 50 Prozent und durch die Auslagerung in „Billig-Lohn-Länder“ wurden die Profite wieder auf ein Niveau wie vor Einsetzen der Wirtschaftskrise 2007/08 gesteigert (im Jahr 2011 betrug der Gewinn 118,7 Mio. Euro).

Neben den Angriffen auf die Beschäftigten in Liverpool will die Konzernleitung auch das Werk in Budaörs in Ungarn zusperren. 50 Mitarbeiter könnten ihren Arbeitsplatz verlieren. Internationale Solidarität wäre gefragt.

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